Montagmorgen landete Thomas mit dem ersten ICE in Köln. Der Koffer war leicht, der Terminkalender voll. Drei wichtige Kundengespräche, ein Workshop mit dem neuen Vertriebsteam und am Donnerstag noch das große Abschluss-Meeting mit der Geschäftsleitung. Alles lief glatt, fast zu glatt. Die Herren in den maßgeschneiderten Anzügen nickten zufrieden, die Zahlen stimmten, der Handschlag saß. Und dann war es plötzlich Freitagmittag und er hatte… nichts mehr vor.

Das Hotel lag direkt am Rhein, schöner Blick auf die Altstadt und den Dom, der sich jeden Abend in allen möglichen Farben beleuchtet zeigte. Aber nach dem dritten Abend alleine am Fenster mit einem Glas Rotwein und dem immer gleichen Blick wurde es still. Zu still. Er scrollte durch Netflix, fand nichts, was ihn wirklich packte. Er ging einmal um den Block, kaufte sich eine Currywurst, die er dann halb aufaß. Die Stadt pulsierte um ihn herum, lachte, redete, trank – und er stand irgendwie daneben.
Sechs Nächte lang hatte er sich gesagt: „Bleib professionell. Du bist geschäftlich hier.“
Die Escortdame
Am Samstagmittag saß er wieder im Zimmer, starrte aufs Handy. Die Geschäfts-E-Mails waren durch, der Posteingang leer. Er öffnete den Browser, tippte zögernd ein paar Buchstaben ein. Escort Cologne. Die Seite lud sich schnell, clean, seriös. Kein billiges Bling-Bling, sondern Fotos, die eher nach Porträt-Shooting aussahen. Er klickte sich durch die Profile, las die Texte, blieb bei einer hängen. Sie hieß Lena. Dunkle Haare, offenes Lächeln, in der Beschreibung stand etwas von „guten Gesprächen und entspannten Stunden“. Genau das, was er gerade nicht hatte.
Er legte das Handy weg. Stand auf. Ging duschen. Kam wieder. Nahm das Handy wieder in die Hand. Herz klopfte jetzt richtig. Er schrieb eine kurze Nachricht. Höflich. Etwas unsicher. Ob sie heute Abend noch Zeit hätte. Eine Stunde später kam die Antwort: „Sehr gerne. 20 Uhr bei dir im Hotel? Ich freue mich.“
Um 19:55 klingelte es leise an der Zimmertür. Er öffnete und da stand sie. Genau wie auf den Fotos, nur lebendiger. Warmes Lächeln, dezentes Parfum, eine kleine Tasche über der Schulter. „Hi Thomas. Schön, dass wir uns treffen.“ Sie sagte es so natürlich, als würden sie sich schon ewig kennen.
Sie redeten erst einmal. Über Köln, über den Dom, über die blöde Sache, dass man im Winter immer kalte Füße kriegt, wenn man am Rhein entlangläuft. Sie lachte über seine Geschichte mit dem verlorenen Handschuh im ICE. Irgendwann zog sie die Schuhe aus, setzte sich im Schneidersitz aufs Bett und fragte: „Und jetzt erzähl mir, was du wirklich gerade brauchst.“
Und dann passierte etwas, das er so nicht erwartet hatte. Es war nicht nur der Sex – der war gut, sehr gut sogar. Es war die Art, wie sie ihn ansah. Wie sie ihm zuhörte. Wie sie ihn einfach mal berührte, ohne dass es sofort um etwas anderes ging. Sie blieben danach noch lange liegen, redeten weiter, lachten leise. Irgendwann bestellten sie sich eine Flasche Wein aufs Zimmer. Der Abend wurde zur Nacht.
Als sie gegen drei Uhr morgens ging, umarmte sie ihn an der Tür noch einmal fest. „Mach’s gut, Thomas. Und komm mal wieder nach Köln, ja?“ Er nickte nur, weil ihm die Stimme wegblieb.
Am Sonntagmorgen checkte er aus. Der Zug zurück nach Hause fuhr um 11:42. Im Abteil saß er am Fenster, schaute auf die vorbeiziehenden Felder und dachte: Die Woche war eigentlich ganz okay gelaufen. Die Meetings super. Die Zahlen perfekt. Aber erst am letzten Abend war etwas passiert, das sich richtig anfühlte.
Er würde Köln nie vergessen. Nicht wegen des Doms. Nicht wegen der Geschäftsabschlüsse. Sondern wegen einer Frau namens Lena, die ihm gezeigt hatte, dass man sich manchmal einfach trauen muss, den Hörer in die Hand zu nehmen – oder in seinem Fall: auf „Senden“ zu drücken.
Und ja, er hatte ihre Nummer gespeichert. Nur für alle Fälle.